
Viele Gesundheitsthemen, die Frauen betreffen, wurden in Medizin und Forschung lange vernachlässigt. Noch immer bestehen Wissenslücken, werden Beschwerden nicht ausreichend erkannt und fehlen passende Versorgungsangebote. Die Wechseljahre zeigen exemplarisch, warum sich das ändern muss.
Rund neun bis elf Millionen Frauen in Deutschland befinden sich derzeit in den Wechseljahren. Etwa zwei Drittel der Betroffenen berichten über Beschwerden. Dennoch fehlen vielerorts qualifizierte Beratungsangebote und eine flächendeckende medizinische Unterstützung.
Wechseljahre sind kein Randthema. Sie betreffen Millionen Frauen, ihre Familien, ihre berufliche Teilhabe und unser Gesundheitssystem.
1. Versorgungslücke: Ein Lebensabschnitt, zu wenig berücksichtigt
Die Wechseljahre erstrecken sich über mehrere Jahre. Für manche Frauen verlaufen sie weitgehend beschwerdefrei, andere leiden unter erheblichen körperlichen und psychischen Belastungen.
Hitzewallungen sind dabei nur ein möglicher Teil des Beschwerdebildes. Schlafstörungen, Erschöpfung, Konzentrationsprobleme, Stimmungsschwankungen und weitere Beschwerden können die Lebensqualität und den Alltag deutlich beeinträchtigen.
Trotzdem fehlen vielerorts spezialisierte Anlaufstellen und verlässliche, niedrigschwellige Unterstützungsangebote. Es braucht eine Versorgung, die Wechseljahresbeschwerden ernst nimmt, Zusammenhänge erkennt und Frauen nicht mit ihren Fragen allein lässt.
2. Wechseljahresberatung: Mehr als ein kurzes Arztgespräch
Eine fundierte Wechseljahresberatung muss umfassend informieren, Beschwerden einordnen, individuelle Lebenssituationen berücksichtigen und mögliche Behandlungswege erläutern. Dazu gehören Fragen zur Hormontherapie, zu nicht hormonellen Behandlungsmöglichkeiten, zur psychischen Gesundheit und zu langfristigen gesundheitlichen Auswirkungen.
Eine solche Beratung braucht Zeit, Fachwissen und eine individuelle Betrachtung. Sie lässt sich nicht beliebig in ein ohnehin knapp bemessenes Arztgespräch integrieren.
Dafür braucht es qualifizierte Ansprechpartner, klare Qualitätsstandards und ausreichend Zeit für die Patientinnen. Frauen müssen Zugang zu verständlichen Informationen und einer Beratung erhalten, die ihre persönliche Situation berücksichtigt.
3. Aus- und Weiterbildung: Wissen muss früher beginnen
Wechseljahre müssen in der medizinischen Ausbildung und in der gynäkologischen Weiterbildung angemessen berücksichtigt werden. Ärzte brauchen fundiertes Wissen über Symptome, Diagnostik, Therapieoptionen und die unterschiedlichen Bedürfnisse betroffener Frauen.
Zusätzliche Fortbildungen sind wichtig. Sie können jedoch nicht die alleinige Antwort sein. Das Thema muss bereits im Studium einen angemesseneren Stellenwert erhalten (teilweise nur 2-3 Vorlesungen zum Thema).
Gleichzeitig braucht es transparente Informationen für Patientinnen, damit sie Beschwerden besser einordnen und informierte Entscheidungen treffen können.
4. Kostenübernahme: Gute Beratung darf keine Frage des Geldbeutels sein
Eine qualifizierte Wechseljahresberatung durch Gynäkologen ist eine Leistung, die angemessen finanziert werden muss. Wenn sie deutlich mehr Zeit und Fachwissen erfordert als eine gewöhnliche Kurzberatung, muss sich das auch in der Vergütung widerspiegeln.
Es braucht deshalb eine Prüfung, wie strukturierte Wechseljahresberatung in die gesetzliche Regelversorgung integriert, ausreichend vergütet und für Patientinnen niedrigschwellig zugänglich gemacht werden kann.
Eine qualifizierte Wechseljahresberatung muss angemessen vergütet werden. Ärzte dürfen nicht vor der Frage stehen, ob sich der zeitliche und fachliche Aufwand einer solchen Beratung wirtschaftlich überhaupt lohnt. Wenn eine Beratung Zeit, Spezialisierung und eine individuelle Begleitung erfordert, muss die Vergütung diesen Aufwand abbilden. Nur so lassen sich verlässliche Beratungsangebote schaffen, die dauerhaft bestehen und für Patientinnen unabhängig von ihrem Einkommen zugänglich sind.
5. GKV-Stabilisierungsgesetz: Die Wechseljahre bleiben außen vor
Mit dem GKV-Stabilisierungsgesetz will der Bund die Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung begrenzen und die Beitragssätze stabilisieren. Die Wechseljahresberatung wird dabei jedoch nicht als eigenständiges Versorgungsthema aufgegriffen. Eine gezielte Regelung zur Einführung oder Finanzierung einer strukturierten Wechseljahresberatung ist im Gesetz nicht vorgesehen.
Damit bleibt eine wichtige Frage offen: Wie soll eine qualifizierte, zeitintensive Beratung für Millionen betroffene Frauen dauerhaft sichergestellt und angemessen vergütet werden?
Am bestehenden Versorgungsproblem ändert das Gesetz damit gezielt nichts. Es schafft weder einen eigenen Anspruch auf eine strukturierte Wechseljahresberatung noch eine besondere Vergütungsregelung dafür. Gleichzeitig lässt sich daraus nicht ableiten, dass sich die Versorgung unmittelbar verschlechtert. Das Thema wird schlicht nicht gezielt adressiert.
Wer die Gesundheitsversorgung langfristig finanzierbar und bedarfsgerecht gestalten will, muss auch Versorgungslücken erkennen und wirksame Angebote ermöglichen. Frauengesundheit darf bei der Reform des Gesundheitssystems nicht erneut aus dem Blick geraten.
6. Wirtschaftliche Folgen: Frauengesundheit ist auch ein Standortfaktor
Die MenoSupport-Studie der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin zeigt, welche Auswirkungen Wechseljahresbeschwerden auf die Arbeitswelt haben können. Befragt wurden 2.119 berufstätige Frauen zwischen 28 und 67 Jahren.
Die Ergebnisse verdeutlichen die Belastungen im Berufsalltag: Fast ein Viertel der befragten Frauen hatte aufgrund von Wechseljahresbeschwerden bereits die Arbeitszeit reduziert. Knapp ein Drittel war deshalb krankgeschrieben oder hatte unbezahlten Urlaub genommen. Zehn Prozent gaben an, aufgrund der Beschwerden früher in den Ruhestand gehen zu wollen oder diesen Schritt bereits vollzogen zu haben.
Die Forschenden schätzen die volkswirtschaftlichen Kosten der Wechseljahresbeschwerden am Arbeitsplatz auf rund 9,4 Milliarden Euro jährlich und fast 40 Millionen Arbeitstage.
Diese Zahlen sind Schätzungen der wirtschaftlichen Auswirkungen und keine bereits nachgewiesenen Einsparungen durch ein bestimmtes Beratungsmodell. Sie machen jedoch deutlich, dass Wechseljahre nicht nur eine individuelle gesundheitliche Herausforderung darstellen. Sie betreffen auch Erwerbsbiografien, Fachkräftesicherung und die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit unseres Landes.
Quelle: Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin, Forschungsprojekt MenoSupport: Deutsche Volkswirtschaft leidet unter den Wechseljahren
Was wir brauchen, ist ein struktureller Wandel
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Mehr Forschung und bessere Daten zur Frauengesundheit.
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Eine fundierte Verankerung der Wechseljahre in Studium und Weiterbildung.
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Qualifizierte und niedrigschwellige Beratungsangebote.
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Eine angemessene Vergütung für zeitintensive Beratungsleistungen.
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Einen verlässlichen Zugang zu medizinischer Beratung und Behandlung, unabhängig vom Einkommen.
Die Landesarbeitsgemeinschaft Gesundheit, Pflege und Soziales der FREIE WÄHLER Hessen setzt sich für eine Frauengesundheit ein, die in Forschung, Ausbildung und medizinischer Versorgung den Stellenwert erhält, den sie verdient.
Frauen dürfen mit ihren Beschwerden nicht allein gelassen werden. Sie brauchen fundiertes Wissen, qualifizierte Beratung und eine medizinische Versorgung, die ihren tatsächlichen Bedürfnissen entspricht.